Texte

Spatzen

Wie Blätter sinken Menschenherzen

in herbstlich blassergrauten Hauch,

die mollgespielten Jahresterzen

beschweren jeden Busch und Strauch.

 

Allen ist es gleich zumute:

Die Natur summt Einsamsein

am Teich liegt noch die Angelrute

am Hang fault längst vergessener Wein.

 

In den Fenstern buckeln Katzen,

der Himmel leuchtet ephemer,

im Ginster pfeifen hämisch Spatzen,

du fehlst mir wirklich, wirklich sehr.

Valentinstag

 

Ich beobachte Menschen

auf der Straße und sie sind

glücklich und schön 

und sie sind jung und alt

und sie sterben

Eine Frau hält Blumen 

und ein Traum fließt

ihr aus den Augen

Autos beugen sich

einer Kurve

ihre Lichter ein Schweif

bis zum Mond

Ein Kind zeigt auf

den frühen Stern

in der Dämmerung

Ich sehe hinauf

und er leuchtet

dort einsam

und hell

Hinterland

Giftig glänzen die Sterne, als läge keine Romantik in ihnen

dunkel spannt darüber die Ewigkeit, 

Narben durchziehen die Landschaft - alles wird vorübergehen

Das Meer verschluckt sich am Strand

Schwarze Wimpern dunkler Augen schlagen

ein schönes Bild von Sonne und Träumen, 

es duftet nach Orangenbäumen, ich möchte sterben

und staune über die Wunder der Welt

 

Ein Kadaver verwest im Hinterland, 

kräftig grün nimmt sich er Tod die Erde, 

die Bäume flüstern ihre Litanei, 

das Wunder der Schöpfung zieht Richtung Meer

ein letzter schöner Augenblick 

Hades

Manchmal

kommt der Tod

an meine Schulter

um zu weinen

Dann tröste ich ihn

 

Manchmal 

verstecke ich mich

im Hades

und spiele

mit Persephone

Schach

 

Ich lasse sie immer gewinnen

Alles Fleisch ist Gras

Alles Fleisch ist Gras.

In den Halmen tanzt der Wind

den zarten Reigen

und an den Fenstern fließen

müde Gesichter in die Zeit.

 

Die schönen Farben, die der Frühling

der Stadt verspricht

sind heute nichts wert.

Ich fühle mich wie geschlachtet 

und zusammengeflickt.

Im nächsten Tagtraum verliert die Richtung

ihr Ziel in Beliebigkeit.

 

Ich setze Kaffee auf und verbrenne

mir die Hand.

Müde bleibe ich trotzdem

und schimpfe über die hämische Sonne. 

„Mir geht’s nicht gut“ stöhne ich in ein Telefon

fresse es auf 

und lege mich schlafen. 

Regen im Juni

An den Tischen fressen sie 

die Reste einer verhagelten Zeit

einer ertränkt sich im Wein

erst als er steif ist

fällt es den anderen auf

 

Ich habe dir Blumen gekauft

und sie im Rhein versenkt

noch bevor das Gewitter kam

 

Jetzt trinke ich einen Kaffee, 

der nach Elend schmeckt

und betrachte die Pfütze vor mir

ein graues Gesicht lächelt

mir zu und geht darin unter

 

An der Wand lese ich Parolen 

von donnernder Liebe

dass es wieder beginnt zu regnen

bemerke ich erst spät

Die Kritiker
 

Da sitze ich nun und brenne in der Stille des Lichts. Im Dunkel ausgegraut die Gesichter der Kritiker. Müde schwelend nur der Gestank von billigem Parfüm und nassem Fell. Augenpaare aus dem Schatten suchen den Raum ab, mischen sich unter das Gemurmel im Dunst. Ich sitze geblendet und doch sehe ich klar, im Rausch von rasenden Gefühlen, die mir wie Wellen entgegenschlagen und mir Schweißperlen auf die Stirn treiben. Im silbernen Becher bricht sich mein Gesicht zu glänzenden Kristallen. Die innerste Wahrheit bin ich bereit zu offenbaren, eine Wahrheit, vor der sich keiner verschließen kann. Die Formeln der Welt werde ich ihnen darlegen und das Axiom des Seins ausbreiten. Im grellen Schein setze ich das Skalpell knapp unter das linke Schlüsselbein. Ein schmaler Schnitt öffnet die Haut, durchtrennt das Fleisch mit der unmenschlichen Präzision von scharfem Stahl, fast unmerklich leicht. Das Licht wird abgedunkelt, die Haut wird kalt, das Publikum sichtbar. Die Hälfte nimmt keine Notiz, einige schlafen. Ein paar wenige verfolgen den Weg des Stahls mit grausamer Gelassenheit. Blut fließt warm aus dem Tal im Fleisch, ergießt sich über das Hemd, das ich offen über der Brust trage und sickert in die Hose. „Was soll der Scheiß?“ brüllt nun einer der Umnachteten aus dem Grau und schwenkt warnend ein Cognacglas. Ein Raunen nun, das sich zaghaft Bahn bricht. Die Luft knistert unter der Last der Botschaft. Ein Schlafender erwacht glucksend und murmelnd vom plötzlich anschwellenden Leben in einer Masse aus Langeweile und Beliebigkeit. Sein Körper ist so fett und unförmig, dass der Stuhl unter ihm fast verschlungen wird. Links und rechts läuft das Fleisch hinab und schließt sich um die hölzernen Beine. Bräsig beginnt er Oliven aus einem Glas zu fischen und sie in die Mitte seines runden Kopfes zu stecken. Knapp darüber eine Brille mit runden Gläsern, dahinter die verschlafenen Augen, klein wie Knöpfe, von Gott achtlos auf das Fleisch gedrückt. Ein Hund zu seiner Linken, sitzt stocksteif mit heraushängender Zunge. Gelüstet, den animalischen Trieb ausgeprügelt, in stummer Erwartung dem frischen warmen Blut, welches ich auf die Bühne ergieße. Daneben die Dame, zischt eine giftige Warnung über ihre Schulter. Der Störer kriecht geschlagen zurück in den Schatten. Es wurde schließlich Geld bezahlt. Ich schneide weiter, halbkreisförmig öffne ich die Brust und beginne das Fleisch vom Rippenbogen zu lösen. Es bietet kaum Widerstand. „Das ist ja obszön“ ruft nun ein anderer, „so ein Arschloch!“ schallt es aus dem Schatten. Das Raunen wird lauter, die schlafenden sind wach, sie folgen dem Geschehen – es gefällt ihnen nicht. Es ätzt aus dem Gemurmel heraus. Widerlich. Ein Wahnsinniger. Ich wende ihnen die Brust zu, Fontänen von Blut spritzen in die Reihen. Ich versaue den Damen die Kleider, sie wünschen mir ein Gottesurteil, kreischend, schnaubend, außer sich. Empörung schlägt mir ins Gesicht und bricht mir die Nase. Nun überall Blut. Der Fette wendet sich stöhnend ab, die Oliven kullern auf den Boden. Der Hund zerrt an seiner Leine, es schnürt ihm die Luft ab, er keucht und hechelt mit seinem hündischen Grinsen voll Stumpfsinn und Folgsamkeit. Die fette Hand hält ihm den Kopf, die Zunge klebt am Boden. Gläser brechen, als ich beginne die Blutkanäle zu durchtrennen. Ich schneide das Herz heraus, löse es vom Fleisch, ja, ich gebe ihnen mein Innerstes. Ungeniert rupfe ich den letzten Widerstand aus dem Brustkorb. Das Blut spritzt an die Decke, es pumpt in warmen Schüben und fließt zu allen Seiten. Im Licht breite ich alles vor ihnen aus und alles ist wahr. Zornige Funken sprühen aus den Leuchtern, es ist der heißeste Tag im Sommer, ein eisiger Schneesturm am Rande einer Ekstase. Alkohol, Blut, Schweiß und Dummheit vermengen sich zu einem stinkenden Gebräu. Schwindelnd schmeiße ich ihnen mein Herz auf den Tisch, es kullert über die halbgegessene Dekadenz, pumpt müde einen letzten Schwall über den Krabbensalat. Eine Dame übergibt sich in ihren Schoß. Vorhänge reißen, Blitze zucken, Flaschen fliegen. Mir rinnt der Schweiß von der Stirn, ich versuche mich zu halten. Fratzen, maskenartig aus allen Facetten der Hässlichkeit bereiten eine Decke über mir. Die Blicke voll wütender Verachtung. Ich fühle mich wie auf das Kreuz geschlagen. Die Schreie fesseln mich an den blutigen Boden. Es tobt. Die Kritik ist außer sich. Ich wende meinen Blick ab, suche das Publikum: der Fette schiebt sich den Hund in den Mund. Die Dame erbricht sich noch immer. Manche zeigen. Fäuste schlagen in die Luft, pflücken die Früchte des Zorns aus dem Raum. Da habt ihr es! Schwarzes Flimmern nimmt mir die Sicht, ich sinke in den Boden, tiefer, tiefer. Dann nichts mehr!

Als ich zu mir komme liege ich in Schläuchen. Maschinen stöhnen unter meiner Last. Es wird verkündet, man hat mir Hausverbot gegeben. Ein Arzt beugt sich über mich. Schüttelt verächtlich den Kopf. Bald darauf schlafe ich wieder ein. Es hat ihnen nicht gefallen.      

Oblivion
 

A short story i wrote with my good friend and artist Maximilian Mehl. 

 

One morning Bo woke up and realised he wasn't able to move. Everything was black. And dark.

He wasn't able to open his eyes, in fact his eyes felt open but he was blind. He tried to move but he couldn't. He couldnt feel his legs anymore. He even wasn't able to move his head.

Merely his arms could give the slightest movements. But his arms felt quite short compared to the day before. In panic he tried to twist himself around, try to reach anything familiar around him, feel anything he would recognize but it was impossible – there was nothing he could feel.

After exploring the surroundings helplessly he tried to rub his eyes in sheer panic. His hands reaching for his head, he realised there was no head, actually there was no body at all.

The only thing he felt was a cold flat surface, a rectangular shape where his body should have been.

As he reached down his body as far as possible his arms shorter than the day before, he could barely reach his belly.

He didn't know why exactly but besides the panic and anxiety he felt a strong, intuitive urge to reach for his bellybutton. He felt a button indeed, but not like he was used to. There was something round shaped, flat aswell like the rest of his body, and cold. He touched it, tried to make sense out of this weird an uncanny sensation. But there was no sense.

After fumbling around the circular shaped area around his bellybutton it felt just right to press it down.

Light! Burning bright light!

After getting used to the light, he recognized the ceiling, the same ceiling he saw last before he fell asleep.

Only the distance seemed unfamiliar. The space between him and the ceiling seemed to be further away than he remembered.

He was feeling an overcoming unease. He tried to move again, tried to push himself up again, but he wasnt able to. And now even his arms had vanished.

Without any possible movement imprisoned in his own body he suddenly remembered one last attempt to overcome this situation: screaming for help. He tried to scream, he tried to shout but he could not utter any sound.

Wait a second! Whats that? There was a sound, in far distance first but coming closer. A door opening, movement, footsteps on a wooden floor. Even though he himself couldn’t make any sound apparentely he was still able to hear.

Hearing the footsteps steadily coming closer he suddenly saw a strangely familiar face bending over him:

Martha!

But like the room, she also appeared in a truly gigantic size.

She didn’t seem to recognize him but in a way her movements towards him seemed to be quite familiar and she didn’t seem to be alienated by his appearance.

And then, her gigantic hand was reaching for him picking him up gently, and her thump appeared close to his vision. She began sliding over him as if she was stroking him gently.

It felt so good. It felt extraordinarily good. As she was rubbing her thump over him, he felt the purest sensation he has ever witnessed. And as the dance of scrolling, rubbing and pushing continued the feeling intensified. Something inside of him started heating up. His vision started to blur, it fated slowly but he didn’t care. Vanishing into blindness again.

There was this divine joy inside of him, filling every aspect of his being, leaving no place for any feeling but pure exitement and pleasure. In this moment, the heat intensified and he finally escaped the earthly leashes of the newly acquired prison of his body. Becoming trancended, floating above his material carcasse. For the first time in his life he felt alive.

 

©BenjaminHäring. Alle Rechte vorbehalten.

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